Tappen im Dunkeln 03.12.2008
Am Mittwoch, den 03.12.2008 starteten wir um 19 Uhr das “Tappen im Dunkeln” mit
Texten von Jean-Paul Sartre (1905-1980). Wir begannen unseren Abendspaziergang
am Waldhaus Jakob und folgten dem Weg in den Wald ein Stückchen, bis wir in
angenehm-abendlicher Stimmung waren, um nach einer kurze Einführung in die
Biografie Sartres einen Ausschnitt aus seinem erstem Roman “Der Ekel” anzuhören.
“Ich springe auf: Wenn ich bloß aufhören könnte zu denken, das wäre schon
besser. Die Gedanken sind das Fadeste, was es gibt. Fader noch als Fleisch. Das
zieht sich endlos in die Länge und hinterlässt einen komischen Geschmack. Und
dann sind da die Wörter, innerhalb der Gedanken, die unfertigen Wörter, die
angefangenen Sätze, die ständig wiederkehren: “Ich muss fertig … ich ex … Tot …
Monsieur de Roll ist tot … Ich bin nicht … Ich ex ...” Es reicht, es reicht …
und das hört nie auf.”
(Ich zitiere hier nur kurze Passagen aus den vorgelesenen Texten.) Mit dem
Gedanken, dass wir nicht aufhören können zu denken, wanderten wir im stillen,
abendlichdunklen Wald weiter. Bald kamen wir an die nächste Stelle, ein Viereck
von Baumstämmen, an dem wir vom Anfang des Romans “Der Ekel” den ersten
Tagebucheintrag hörten. (“Der Ekel” ist ein Roman in Tagebuchform, dessen
Schreiber ein gewisser Roquentin ist.) Dabei bekamen wir einen Eindruck von dem
Ekel als elementarem Erlebnis.
“Irgend etwas ist mit mir geschehen, ich kann nicht mehr daran zweifeln. Es ist
wie eine Krankheit gekommen, nicht wie eine normale Gewißheit, nicht wie etwas
Offensichtliches. Heimtückisch, ganz allmählich hat sich das eingestellt; ich
habe mich ein bißchen merkwürdig, ein bißchen unbehaglich gefühlt, das war
alles.”
Der nächste Gang wurde länger, weil wir in Gespräche über die Rechtfertigung des
Lebens gerieten. Wodurch ist unser Dasein gerechtfertigt? Rechtfertigen wir es
über andere? Rechtfertigen es andere für uns – zum Beispiel unsere Kinder?
Diese Diskussion führte uns direkt in den nächsten Textausschnitt, einen
Ausschnitt aus Sartres Biografie “Les mots” (“Die Wörter”). In seinem leicht
verständlichen und anschaulichen Erzählstil erzählt uns Sartre hier, wie er vom
Schaffner ohne Fahrkarte und ohne Geld erwischt wurde und sich schließlich mit
Überheblichkeit und Stolz herausredet.
“[D]a ich auf den Stolz verwiesen worden war, verwandelte ich mich ganz in
Stolz. Da mich niemand ernsthaft brauchte, erhob ich den Anspruch, unentbehrlich
zu sein für das Universum. Welche Überhebung! Welche Torheit! In Wahrheit hatte
ich keine Wahl.”
Die letzten Meter auf unserem schmalen laubbedeckten Pfad legten wir schweigend
zurück und hörten auf dem beleuchteten Waldweg den letzten Text aus “Die Wand”,
in dem die Macht der Todeserfahrung geschildert wird. Der Erzähler ist zum Tode
verurteilt und im Bewusstsein des Todes geht ihm auf, dass kein Sinn darin
liegt, dass er noch länger lebt, aber auch dass andere Menschen kein Ideal
haben, für das es sich zu leben lohnt. Er hat sich mit dem Tod abgefunden, er
findet alles nur noch komisch. Als er durch eine absurde Wendung doch gerettet
wird, kann er nur noch lachen.
“Alles fing an sich zu drehen, und ich fand mich auf der Erde sitzend wieder:
Ich lachte so sehr, dass mir Tränen in die Augen traten.”
Mit einigem Bedauern, dass der Ausflug in die wunderschöne Nachtstimmung des
Waldes und in Sartres Gedanken zu Ende gegangen war, erreichten wir das Waldhaus
Jakob wieder.